Die Barriere überwunden - Zum 100. Geburtstag des Jazz-Musikers Louis Armstrong. Erschienen in der RHEIN-ZEITUNG.

Schon das (fragliche) Geburtsdatum ist eine Institution: 4. Juli 1900, der amerikanische Nationalfeiertag, dazu der erste im neuen Jahrhundert. Kommt dann noch der Geburtsort New Orleans hinzu, wird der Mythos perfekt. New Orleans besteht aus vier Bezirken. ‚uptown‘ stromaufwärts, ‚downtown‘ stromabwärts, ‚front of town‘ in der Mitte und dahinter ‚back o’town‘.

Jeder Bezirk hat sein eigenes Gepräge mit armseligen Gässchen, Strassen in denen die Mittelschicht lebt und den reichen Gegenden.

Der arme Anteil ist in ‚back o’town besonders hoch. Die James Alley liegt mitten im Herzen von ‚back o’town. Sie ist das Schlachtfeld des Viertels. Hier fallen Jugendbanden übereinander her und prügeln sich gegenseitig krankenhausreif. Die James Alley grenzt an einen Häuserblock der Broad Street und führt von der Gravier Street am Stadtgefängnis zur Perdido Street. Es ist unglaublich wieviele Menschen in diesem Häuserblock leben. Hier wimmelt es nur so von Spielern, Bankrotteuren, kleinen Zuhältern, Dieben und Prostituierten zwischen Cabarets, Saloons und den sogenannten ‚Honky Tonks‘, üblen Tanzschuppen, in denen vor allem die untersten Schichten der schwarzen Bevölkerung verkehren. Alte Männer schlurfen durch die Gassen und verkaufen Erdnüsse und Candy.

In diesem Umfeld kommt Daniel Louis Armstrong zur Welt. Ob wirklich am 4. Juli 1900, darüber ist sich die Fachwelt nicht einig. Der amerikanische Journalist Gary Giddins behauptet, eine Kopie der Geburtsurkunde mit dem Datum 4. August 1901 zu besitzen, hat sie aber nie gezeigt. Der US-Autor James L. Collier vermutet, Armstrong sei 1898 geboren und hätte sich bei seiner Musterung zum Wehrdienst 1918 jünger gemacht, um nicht im ausgehenden Ersten Weltkrieg noch an die Front zu müssen.

Louis Vater - Willie Armstrong - arbeitet in einer Terpentinfabrik zwischen Broad Street und New Basin Kanal, die Mutter May Ann, genannt Mayann, treibt sich in den Kneipen des Viertels herum und bessert ihren kargen Dienstmädchenlohn mit ein paar Dollar als Gelegenheitsprostituierte auf. Ein paar Jahre nach Louis Geburt trennen sich die Eltern. Der Knirps wächst bei seiner Großmutter väterlicherseits, Josephine Armstrong auf.

Hier in der Nachbarschaft sind die ‚Honky Tonks‘ gänzlich anders als in der James Alley. An fast jeder Strassenecke gibt es eines, darunter auch die legendäre ‚Funky Butt Hall‘, eine alte sehr angesehene Kneipe. Hier hört Louis im zarten Alter von fünf Jahren zum ersten Mal Buddy Holden Kornett und die Orleans Ikone Joe Oliver Trompete blasen und zu unterscheiden lernen. In seinem Buch ‚Mein Leben – mein New Orleans‘ erinnert sich Armstrong 1957: ‚Ich merkte mir bereits die einzelnen Instrumente, die Stücke, die gespielt wurden, und wie sie gespielt wurden. So konnte ich schließlich zwischen Buddy Bolden, Joe „King“ Oliver und Bunk Johnson unterscheiden...“

Der Silvesternacht 1912 kommt eine Schlüsselrolle in Armstrongs Leben zu. Obwohl verboten, ist es gang und gäbe, in den Strassen von New Orleans mit Pistolen herum zu ballern und die bösen Geister des neues Jahres mit Krach zu verscheuchen. Louis ballert mit und wird prompt von der Polizei erwischt. Eine Fügung des Schicksals?

Der Jugendrichter entscheidet auf Einlieferung in ein waif’s home, die Fürsorge-Anstalt. Hier wird das Leben durch Clairon-Signale geregelt. Ein Knabe entlockt der ventillosen Trompete zu jedem Anlass, sei es zum Aufstehen, zum Schlafengehen, zur Einnahme der Mahlzeiten eine spezielle Melodie. Und hier lernt Louis Armstrong, den Musiklehrer der Anstalt, Peter Davis kennen. Die erste Begegnung verläuft reserviert. Davis hat ein Vorurteil gegen alle Jungens aus ‚back o’town‘. Das ändert sich eines Tages, als der junge Armstrong seinem Musiklehrer offenbart, er sei neidisch auf den Jungen, der jeden Tag die Clairon-Signale blasen dürfe und dass er gerne lernen wolle Kornett zu spielen.

Davis erkennt die Musikbegeisterung des jungen Armstrong, will sie aber einen kleinen Prüfung unterziehen. Er fragt Louis, ob der denn Lust hätte in der Anstaltskapelle mitzuspielen. Keine Frage, dass Louis will. Wie groß mag die Enttäuschung gewesen sein, als Davis dem jungen Musiker bei der ersten Übungsstunde ein – Tambourin reichte. Trotz seiner Enttäuschung muckt Armstrong nicht auf und bearbeitet das Tambourin im Takt der Kapelle. Davis ist so beeindruckt, dass er Armstrong sofort an’s Schlagzeug setzt.

Kurze Zeit später erwirken die Eltern des Clairon-Bläsers dessen Freilassung und Davis gibt Armstrong den Posten. War das eine Freude! Voll Stolz beginnt Armstrong, das Clairon – sein Vorgänger hatte das Instrument in einem beklagenswerten Zustand hinterlassen – zu säubern und zu polieren. Als er es an die Lippen nimmt, kommt ein schöner, weicher Ton heraus.

Zur Belohnung gibt Davis dem jungen Louis ein Kornett und bringt ihm ‚Home Sweet Home‘ bei. Armstrong schwimmt in Seligkeit, übt jeden Tag wie ein Besessener und wird sehr schnell ein so guter Kornettbläser, dass Peter Davis ihn zum Chef der Anstaltskapelle ernennt.

Die Kapelle wird manchmal für die ewigen Umzüge und Paraden in den Straßen von New Orleans engagiert. Eines Tages führt eine der Paraden auch durch die James Alley. All die Abenteurer, kleinen Gauner, Zuhälter und Taschendiebe der Straße wissen, dass Louis Chef der Kapelle ist. Sie sind mächtig stolz und geizen weder mit Beifall noch mit Cents und Dollars. Im Handumdrehen kommt soviel Geld zusammen, dass die ganze Kapelle mit neuen Uniformen ausgestattet werden kann. Und für Louis springen noch ein paar Dollar für ein eigenes Kornett heraus.

Auch der Chef von Louis Vater, der immer noch in der Terpentinfabrik arbeitete, erfährt von den tumlutartigen Beifallsstürmen und setzt sich dafür ein, dass Louis aus der Fürsorgeanstalt entlassen wird.

Louis verdient sich sein Geld als Laufbusche und Zeitungsjunge. Eines Tages wird er Zeuge eines Streits zwischen einem Barbesitzer und seinem Kornettisten, rast nach Hause, holt sein Instrument und bietet sich als Ersatz an. Der Barbesitzer ist einverstanden, ohne auch nur eine einzige Note gehört zu haben. Tagsüber bleibt Louis Laufbursche, abends ist er jetzt Musiker.

Eines der bekanntesten Orchester in jener Zeit ist das des Posaunisten Kid Ory, der wichtigste Mann auf seinem Instrument in New Orleans. Der kleine Louis, in kurzen Hosen, trifft Kid eines Abends zufällig, als dieser auf einem Straßenumzug spielt. Kid fragt Louis, wem er das Kornett bringen wolle. Louis: „Niemandem, das ist mein eigenes!“ Keiner will ihm glauben. Da spielt Louis drauflos. Im Nu entsteht ein Menschenauflauf, der seinesgleichen sucht.

Seitdem hört man den jungen Louis häufig in Kid Orys berühmten Orchester. Dort spielt der beste Kornettist von New Orleans, Joe Oliver, später auf dem Höhepunkt seiner Karriere in Chicago Joe ‚King‘ Oliver genannt. Oliver wird Armstrongs Lehrer, wichtiger aber noch sein Mentor. Bestimmt brachte Oliver Armstrong ein paar neue Stücke bei. Warscheinlich auch ein paar andere Fingersätze, was beim Kornettspiel allerdings so schwer nicht ist. Viel entscheidender war, daß Joe Oliver den jungen Musiker aus New Orleans herausbrachte und nach Chicago führte, damals der Nabel des Jazz, denn spätestens um 1922 erkannten die Jazz-Größen aus New Orleans, dass die Blütezeit ihrer Heimatstadt vorbei war. Ganz gewiß waren Chicago und die musikalische Atmosphäre der Stadt wichtige Voraussetzungen für eine außergewöhnliche, wenn nicht einzigartige, Karriere. Musikwissenschaftler sind sich jedoch einig, dass die Karriere (Auszüge siehe Kasten) des Ausnahmetalents auch ohne Joe Oliver, vielleicht mit etwas Verspätung, aber ähnlich verlaufen wäre.

Armstrong half die Gunst der Stunde. Bei seinen ersten Begegnungen mit Oliver bzw. ein paar Jahre später mit Fletcher Henderson, war die Frage, wie Jazz zu spielen sei, völlig offen. Zwei Strömungen kennzeichneten damals die junge Musik der Schwarzen. Da war der symphonische Jazz, wie ihn Irving Berlin oder George Gershwin spielten, geprägt von der Weiterentwicklung des rhytmischen Konzepts des Ragtime und des Dixieland Jazz.

Die zweite Strömung entstand aus der Musik der New-Orleans-Bands und wurde von Gruppen wie der um Joe Oliver und Jimmie Noone beeinflußt.

Die weißen Musiker waren natürlich von der Zukunft des symphonischen Jazz überzeugt. In ihren Augen war der New-Orleans-Stil bestenfalls eine primitive Variante. Musiker wie Joe Oliver oder Kid Ory versuchten diese Meinung zu widerlegen und um 1924 hatten sie auch ihre ersten, kleinen Erfolge damit. Zu dieser Zeit erschienen die ersten Schallplatten von Armstrong. Seine frappierende Perfektion beseitigten die letzten Zweifel. So und nicht anders musste Jazz gespielt werden. Der Armstrong-Stil war über jeden Zwiefel erhaben und erwies sich als wegweisend.

Häufig wird Louis Armstrong als größter Jazzmusiker aller Zeiten bezeichnet. Das beschreibt aber nur eine Facette seiner großartigen Persönlichkeit. Zweifellos war Armstrong ein großartiger Jazzmusiker. Er wird diesem Ruf jedoch so unangefochten gerecht, dass er sich Dinge leisten konnte, die jedem anderen Jazzmusiker in den Augen eines richtigen Jazzfans ein für alle Mal das Stigma des verlorenen Sohnes aufgesetzt hätten. Louis Armstrong konnte Schlagertitel wie „C’est si bon“ oder „What a wonderful world“ singen, als sei dies seine Musik und die selbstverständlichste Sache der Welt. Er konnte mit populären Musicalsongs wie „Hello Dolly“ - der Titel verdrängte 1964 ‚Can’t Buy me Love‘ der Beatles von Platz 1 der US-Charts - die Hitparaden stürmen, ohne das dies seiner Kompetenz in Sachen Jazz den geringsten Abbruch tat. Louis Armstrong war ein Vollblutentertainer, der den Dialog mit dem Publikum braucht, wie der sprichwörtliche Fisch das Wasser.

Bei Jazz-Konzerten erwartet das Publikum häufig, dass der Solist zum Abschluss eines Stücks viele hohe Cs spielt. Dieses ‚dschiiiiiieb‘, aus welchem Blasinstrument auch immer, entfacht die Zuhörer und reisst sie zu Begeisterungsstürmen hin. Armstrong spielte bisweilen 250 (sic!) Cs in Folge und setzte noch ein darüber liegendes F drauf.

Das machte den Entertainer aus, den es allerdings in der Subkultur der schwarzen Amerikaner schon lange vor Armstrong gab. Die weiße Gesellschaft akzeptierte den Schwarzen als Sänger und Tänzer. Die Rolle als Künstler wurde ihnen aber verweigert. Armstrong hat diese Barriere überwunden.