In gola sta - Zum 150. Geburtstag des Komponisten Giacomo Puccini. Erschienen im DONAUKURIER
"In gola sta – steckt im Rachen“ flachste und feixte er. Giacomo Puccini, dessen 150. Geburtstag Musikfreunde aus aller Welt am 22. Dezember 2008 feiern, und der mit diesem Bonmot eine unfreiwillige Reminiszenz an den Ort des Geschehens aussprach. Der Maestro hatte im Herbst des Jahres 1922 eine Reise quer durch die Schweiz, Holland und Deutschland unternommen. Bei dieser Gelegenheit machte er auch Station in Bayern, genauer gesagt, in Ingolstadt. Zum feudalen Abendessen wurde neben anderen Köstlichkeiten auch eine gebratene Gans serviert, und beim Verzehr eben dieser Gans passierte nun auch das, was ihn zu dem anfangs erwähnten Zitat verleitete: Ein kleiner Splitter besagter Gans blieb dem lebensfrohen Komponisten im Halse stecken und zwar in einer derart unglücklichen Lage, dass er durch keine noch so heftigen Bemühungen wieder herauszubringen war. Erst ein kleiner, jedoch operativer Eingriff wurde erforderlich, um Puccini von dem Übel zu befreien.
Puccini, der einer der ältesten Musiker-Dynastien Italiens entstammt und einer der vielköpfigsten – nur die Familie von Johann Sebastian Bach kann annähernd so viele musikalische Vorfahren aufweisen - kam in der toskanischen Stadt Lucca zur Welt. Sein Vater, Michele, war Leiter der örtlichen Stadtkapelle. Dem Sohn verschaffte er eine erste Ausbildung am heimatlichen Instituto Musicale Pacini. Schon mit 14 Jahren spielte Giacomo Antonio Michele Secondo Maria – der Vollständigkeit halber sein Vorname gemäß Geburtsurkunde – schon in der Kirche die Orgel. Mit 22 Jahren besuchte er das Mailänder Konservatorium. Mit Pietro Mascagni, der später durch die Cavalleria rusticana weltberühmt werden sollte, teilte er eine gemeinsame Wohnunterkunft. Aus dieser Zeit bezog er die Impulse „lustiger Armut“, die er später in der Oper „La Bohème“ so vortrefflich darstellt.
Wie viele junge Musiker, so war auch Puccini ein glühender Verehrer von Giuseppe Verdi, der damals auf dem Zenit seines Ruhmes stand. Insbesondere die Oper „Aida“ faszinierte den jungen Puccini. „Aida“ wurde Weihnachten 1871 uraufgeführt. Erst knapp fünf Jahre später fand das Werk seine erste Aufführung in Pisa. Puccini nahm den vergleichsweise langen Weg von Lucca in Kauf, um die etwa 40 kilometerlange Strecke nach Pisa zu Fuß zurückzulegen und die Oper zu erleben.
Ein wegweisendes Erlebnis. Die meisten seiner Vorfahren waren Kirchenmusiker, und auch für ihn selbst war eine solche Laufbahn vorgesehen. Am Abend des 11.3.1876, nachdem Puccini „Aida“ gesehen hatte, stand für ihn fest, dass er sein musikalisches Schaffen der Oper widmen würde. In seinen späteren Aufzeichnungen notierte er: „Als ich Aida in Pisa hörte, hatte ich das Gefühl, ein musikalisches Fenster öffnete sich mir“.
Allerdings zeigte sich schon bei seiner Prüfungsarbeit am Konservatorium, dem Capriccio sinfonico, ein Problem, das Puccini sein ganzes Leben begleiten sollte: Seine unleserliche Handschrift, mit der er seine Noten zu Papier brachte. Das Prüfungskomittee vergab keinen Preis mit der Begründung, das Manuskript sei nicht zu entziffern.
Das Stück wurde am 14. Juli 1883 vom Studentenorchester des Konservatoriums zur Aufführung gebracht und machte den Namen Puccini in der italienischen Musikwelt bekannt. Von dieser Aufführung an zählte der Komponist zu den großen künstlerischen Hoffnungen seiner Heimat. Das Capriccio sinfonico verdient vor allem auch deshalb Beachtung, weil sich darin zahlreiche Motive finden, die später in Puccinis Opern wiederkehren. So kommt etwa die gesamte Einleitung zu La Bohème darin zum Erklingen.
Als Puccini Mitte Juni 1883 seine Studienzeit am Mailänder Konservatorium beendet hatte, durfte er sich nach alter Sitte „Maestro“ nennen, und ganz Italien stand ihm offen. Er hatte jedoch anderes im Sinn und lebte weiterhin in Mailand. Bereits während der letzten Monate seiner Studienzeit plante er, sich an einem Wettbewerb für eine einaktige Oper zu beteiligen, den die populäre Zeitschrift „Teatro illustratro“des Musikverlegers Edoardo Sonzogno ausgelobt hatte. Dieser Wettbewerb, der Concorso Sonzogno, war 1883 zum ersten Mal ausgeschrieben worden und sollte später Berühmtheit erlangen, indem aus ihm die Oper „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni hervorging. Puccini wollte also an diesem Wettbewerb teilnehmen. Doch die Zeit war knapp; es war bereits Mitte April, und der Einsendetermin war auf den 31.12 des Jahres festgelegt worden. Außerdem fehlte ihm das Allerwichtigste für sein Vorhaben: ein Opernlibretto.
In dieser bedrängten Situation erwies sich ein väterlicher Freund als Retter. Almilcare Ponchielli, der den jungen Puccini bereits auf dem Mailänder Konservatorium unterrichtet hatte. Ponchielli war mit dem Schriftsteller Ferdinando Fontana befreundet, einem landesweit bekannten Faktotum der italienischen Künstlerwelt. Durch Vermittlung Ponchiellis kam es zu einer, wie es anfangs schien, fruchtbaren Zusammenarbeit der beiden. Anfang September – also bereits reichlich spät – hatte Puccini den Text für Le Willis in den Händen. Er ging für den Rest des Jahres nach Lucca, in sein Elternhaus, um dort in aller Ruhe, und im wahrsten Sinne, Tag und Nacht zu arbeiten. Mit knapper Not konnte er die Komposition fertig stellen. Zum Stichtag lag das Werk auf dem Schreibtisch von Edoardo Sonzogno – und fand keine Gnade. Das lag jedoch nicht daran, dass Puccini mit der Einsendung bis zum letzten Drücker gewartet hatte, sondern an jenem Übel, das dem Komponisten bereits so viele Beanstandungen eingetragen hatte. Puccinis Notenschrift wurde als unleserlich bezeichnet. Der Komponist ging leer aus.
Für Dichter und Musiker bedeutete dies eine bittere Enttäuschung. Fontana, der an den Erfolg große Hoffnungen geknüpft hatte, gab sich jedoch nicht so leicht geschlagen. Im Gegensatz zu Puccini war der in den Mailänder Gesellschaftskreisen gut bekannt. Dadurch war es ihm möglich, ein folgenreiches Treffen zu erwirken, das sich zu Beginn des Jahres 1884 im Haus des schwerreichen Mäzen Marco Sala zutrug. Vor einer illustren Gesellschaft hatte der Komponist nun Gelegenheit, Auszüge aus seiner Oper auf dem Klavier spielend und dazu singend, vorzutragen. Puccini besaß eine wohl tönende Stimme und war im Stande, sämtliche Stimmlagen zu bedienen. Unter den Gästen befand sich neben Ponchielli auch ein gewisser Arrigo Boito, damals eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des italienischen Musiklebens. Boito galt als der große Befürworter aller neuen Tendenzen in der Musik.
Puccini hatte mit seinem Vortrag das Glück des Tüchtigen, denn Boito zeigte sich tief beeindruckt und versprach, sich für Le Willis einzusetzen. Dieser Abend im Hause Sala entschied über Puccinis Schicksal. Ponchielli wie auch Boito unterhielten enge Beziehungen zu Ricordi, dem führenden Musikverlag Italiens, der von nun an lebhaftes Interesse an dem jungen Komponisten zeigte. Ricordi ließ auf eigene Kosten das Textbuch der Oper drucken und schloss einen Vertrag für weitere Opern mit Puccini ab.
Die Bindung an Italiens einflussreichsten und auch größten Musikverlag – er existiert heute noch und feiert in diesem Jahr sein 200jähriges Jubiläum – bedeutete für Puccini einen gewaltigen Schritt nach vorne. Er hielt dem traditionsreichen Haus sein Leben lang die Treue; mit Ausnahme eines einzigen Werks (La rondine, erschienen bei Sonzogno) sind sämtliche Opern Puccinis von Ricordi betreut worden.
Der Einfluss des Musikverlegers blieb nicht ohne Auswirkungen. Die Oper, die von Puccini einer Neufassung unterzogen und in eine zweiaktige Form umgearbeitet worden war, gelangte am 28.12.1884 in Turin zur Aufführung – diesmal unter dem endgültigen Titel „Le Villi“ und feierte große Erfolge. Die deutsche Erstaufführung erfolgte 1892 in Hamburg.
Die Oper „Le Villi“ brachte dem Komponisten nicht nur Erfolg, sondern auch großen finanziellen Ertrag ein. Ein ungewöhnlicher Erfolg für ein Werk, das in höchster Eile entstanden war. Nie wieder hat Puccini eine Oper in ähnlich kurzer Zeit geschrieben. Die nächste, „Edgar“, entstand 1889 und erwies sich als völliger Flop, was möglicherweise an den sehr komplizierten Tonstrukturen lag. Aber dann gelang der endgültige Durchbruch mit „Manon Lescaut“ (1893).Ein schwer erkämpfter Erfolg. Als Puccini mit seinen Plänen zu „Manon Lescaut“ bei Ricordi vorstellig geworden war, versuchte der Verleger mit Eindringlichkeit, Puccini von diesem Vorhaben wieder abzubringen. Und das aus guten Gründen. Das Manon-Thema war erst kurz vorher zu einem Opernstoff verarbeitet worden. Der französische Komponist Jules Massenet feierte mit ihm große Erfolge. Sein Werk war 1884 in Paris zur Erstaufführung gelangt und zählte zu den meist gespielten Werken der neuen Opernkunst. Gegen ein derartig erfolgreiches Werk durch eine zweite Vertonung anzukämpfen, erschien dem alten Praktiker Ricordi als zu riskant. Doch Puccini beharrte auf seinen Plänen. Anscheinend übte die problematische Situation so etwas wie einen besonderen Ansporn auf den Komponisten aus.
Danach waren alle Opern Puccinis bald auch international große Erfolge. Sie machten ihn zu einem reichen Mann, der von nichts anderem lebte, als vom Komponieren und niemals einen anderen Beruf ausübte, etwa als Dirigent oder Musiklehrer.
Das Publikum feierte Puccini. Er war der absolute Superstar. Mit einem seiner bekanntesten Werke, „La Bohème“ (1896) trat jedoch ein Phänomen auf, das Puccini nun sein ganzes Leben lang begleiten sollte: Die Divergenz zwischen Urteil der Kritik und Publikumserfolg. Die schlechten Besprechungen konnten den Erfolg des Werkes nicht aufhalten. „La Bohème“ wurde in Turin mehrere Wochen hindurch vor ausverkauftem Haus gegeben.
Zurück nach Ingolstadt. Puccini hatte im März 1920 mit der Arbeit an einer neuen Oper begonnen: „Turandot“. Etwas ganz Großes sollte sie nach seiner Vorstellung werden, etwas Außergewöhnliches, Neuartiges, noch nie Dagewesenes. Die beiden Librettisten, Giuseppe Adami und Renato Simoni, ließen sich bei der Anfertigung des Textes jedoch sehr viel Zeit. Offenbar hatten sie die Anweisungen ihres Auftraggebers sehr ernst genommen und ganz besondere Sorgfalt bei der Niederschrift walten lassen. Sie ließen sich so viel Zeit, dass der Meister sich genötigt sah, sie zur Eile anzutreiben: „Schlaft mir nicht, meine teueren Dichter“, mahnte Puccini 1922. „Ich fürchte, Turandot wird niemals fertig“. Und weiter in einer prophetischen Anwandlung: „Wenn Sie mich noch weiter warten lassen, können Sie mir Feder, Papier und Tintenfass gleich ins Grab hinterher werfen“, was wieder des Meisters Vorliebe für sarkastische Späße beweist.
Aber dann war es soweit, das Libretto war fertig, und Puccini konnte sich endlich richtig ans Komponieren machen, was er dann auch mit jener Besessenheit tat, die man von ihm gewohnt war. Bis zu jenem, scheinbar unbedeutenden Zwischenfall in Ingolstadt, im Herbst 1922. Von diesem Zeitpunkt an ging es mit seiner Gesundheit bergab, worunter natürlich auch seine Produktivität litt. Anfangs langsam, fast unmerklich, bis 1924 die schreckliche Diagnose feststand: Kehlkopfkrebs. Zwar nicht ausgelöst, aber möglicherweise beschleunigt durch den Splitter eines Gänseknochens, verzehrt in der bayerischen Herzogsresidenz mit Kreuztor und dem berühmten Ickstatthaus.
Puccini konnte „Turandot“ nicht mehr vollenden. Er starb am 29.11.1924. Die Arbeiten an „Turandot“ wurden von Franco Alfano zu Ende geführt. Die Uraufführung dirigierte Arturo Toscanini am 25.4.1926 in der Mailänder Scala.
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 24. Juni 2011 um 12:31 Uhr