Grins! Freu! Jauchz! Zum 100. Geburtstag der Comic-Übersetzerin Erika Fuchs. Erschienen in der AUGSBURGER ALLGEMEINEN.
Als 1951 die ersten Disney-Comics auf Deutsch erschienen, befürchtete der Verlag vehemente Proteste besorgter Eltern und eifriger Tugendwächter, die den neuen Bildgeschichten aus den USA unterstellen, sie führten dazu, dass das Leseverhalten und Artikulationsvermögen der Jugend könne verflachen. Der Verlag hatte jedoch vorgesorgt und als Chefredakteurin eine gewisse Dr. Erika Fuchs angeheuert, die am 7. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre. Dabei war Erika Fuchs keinesfalls Journalistin, sondern Kunsthistorikerin. Und sie war eigentlich auch keine Chefredakteurin – der Inhalt, die Texte der Comics kamen ja schließlich fix und fast fertig aus den USA. Aber Erika Fuchs hat die amerikanischen Texte übersetzt und schuf für die deutsche Version eine eigene bemerkenswerte Sprachwelt. Als Donald Duck sich als Werbetexter für Tafelobsterzeuger versuchte hieß, es: „Wer keine weiche Birne hat, kauft harte Äpfel aus Halberstadt!“ Seine Neffen Tick, Trick und Track stemmten sich mit Sprüchen, wie „Wir pfeifen auf Pomade, auf Seife, Kamm und Schwamm, wir bleiben lieber dreckig und wälzen uns im Schlamm.“ gegen das Establishment. Wer derlei Verse schuf, konnte nicht unbedingt auf Zustimmung von Eltern rechnen, die auf Sauberkeit ihrer Sprösslinge bedacht waren. Und so war es auch. Stürme der Entrüstung machten sich unter den Erziehungsberechtigten breit, die gar nicht merkten, dass zumindest die Väter unter ihnen scharfzüngig gegeißelt wurden. Zehn Jahre zuvor hatten diese im Krieg gesungen, dass ihnen heute Deutschland, aber morgen die ganze Welt gehöre. Erika Fuchs hielt ihnen den Spiegel vor als sie der Panzerknackerbande, die in ihrem Kampf gegen den klassischen Vertreter des Kapitalismus verzweifelten, Dagobert Duck, in den Mund legte: „Wir sind die Panzerknacker und tun, was uns gefällt. Heute gehört uns die Kohldampfinsel und morgen die ganze Welt.“
Während die Figur Dagobert Ducks im Original Uncle Scrooge, zu deutsch in etwa Onkel Geizhals heißt, bedeutet dies keinesfalls, dass der deutsche Onkel Dagobert zum Philantropen mutiert. Erika Fuchs machte uns klar, dass Dagobert ein Musterbeispiel des freien Unternehmertums ist und dass Gewerkschaften, Tarifverträge oder gar Mitbestimmung in seinen Firmen nichts, aber auch gar nichts zu suchen haben.
Und sie hat etwas geschaffen, was als Deklinationsform unter Germanisten unter dem Begriff Erikativ in den Sprachgebrauch eingegangen ist: die verkürzte Form von Verben wie „Würg“, „Stöhn“ oder auch „Ächz“.
Erika Fuchs kam als Erika Petri kam in Rostock zur Welt. Der Vater war Direktor eines Elektrizitätswerks, die Mutter Lehrerin. 1912 zieht die Familie nach Belgard in Hinterpommern. 1913 besucht sie die Höhere Töchterschule, an der sie sich jedoch nicht wohl fühlt. Erika möchte aufs Gymnasium. Ihr Vater, ein einflussreicher Mann, setzt im Stadtrat eine Ausnahmegenehmigung durch, nach der sie – ein Mädchengymnasium gab es in Belgard nicht - die höhere Schule für Knaben besuchen durfte. Nach dem Abitur studierte sie, u.a. in London Kunstgeschichte, promoviert summa cum laude und heiratet 1935 den Heizungsbauer und Erfinder Ernst Fuchs. Nach dem Krieg haben die Fuchsens Geldsorgen, denn der Umgang mit Talern fiel Ernst Fuchs schwer. Daniel Düsentrieb lässt grüßen! Als sie im Radio hört, dass Readers Digest Übersetzer sucht, bewirbt sie sich und wird freie Mitarbeiterin.
1951 wechselt sie zum ehapa-Verlag in Stuttgart, der die Rechte der deutschen Version der Disney-Comics erwarb, und schuf mit ihren Übersetzungen einzigartige Sprachspielereien, die sogar in unseren Alltagswortschatz eingeflossen sind. Das berühmteste Beispiel ist sicherlich der Grundsatz von Daniel Düsentrieb „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör!“ Dem gelegentlich auftauchenden Vorwurf, sie schriebe bzw. übersetze Trivialliteratur, konterte stets mit: „Einfache Texte zu bearbeiten ist eine verdammt schwierige Aufgabe.“
Die Generationen, die mit ihr aufwuchsen sind heute diejenigen, die ins Internet gehen und sich ”Online“ im Sprachstil von Dr. Fuchs unterhalten.
Erika Fuchs starb 2005 im hohen Alter von 98 Jahren. „Seufz!“ Aber alle, die Spaß und Freude an ihren Texten haben, ziehen auch heute noch den Hut und bemerken rückblickend auf ihr Werk: Grins! Freu! Jauchz!
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 27. März 2011 um 11:48 Uhr